DIE EIGENE ZEUGUNG NACHERLEBEN

mensch & Sein 3/2002

Der Psychologe Dr. Gerhard Mayer erläutert die Bedeutung von Ritualen in der CoreDynamik

 

Seit 30 Jahren erforscht der Freiburger Psychologe und Psychotherapeut Dr. Bernhard Mack die Zusammenhänge von Ritual und Bewusstseinserweiterung. Er hat dabei die körperorientierte CoreDynamik entwickelt: Von den Randschichten der Persönlichkeit (soziale Strukturen, Klischees, Projektionen) hin zum überpersönlichen Kern (Core). Die CoreDynamik wird ebenso in Paarseminaren zum Thema „Liebes- und Beziehungsfähigkeit" wie auch in Führungskräftetrainings und anderen Bereichen angewendet.

In Ritualen verbinden sich Gestaltung (Wille) und Prozess (sich dem Fluss des Geschehens überlassen). Sie können zu unterschiedlichsten Zwecken gestaltet werden, etwa zur Erneuerung von Beziehungsdynamiken. Dazu setzt Mack in seiner Ritual-Arbeit Atem-, Begeg-nungs- und Verzeihensrituale, Rituale des Neubeginns und der Aussöhnung mit alten Verletzungen ein. Er hat sie teils selbst entwickelt, teils aus alten Traditionen übernommen.

Rituale sind um so wirksamer, je mehr Ebenen des Bewusstseins und Seins sie einbeziehen. Musik, Trommeln und Gongs, Stimme und Schamanenrasseln aktivieren bestimmte Gehirn- und Körperregionen, ungewohnte Gefühle und neue Erkenntnisräume tauchen auf. Diese „schamanische Energie" ist in jedem Menschen verborgen. Im schamanischen Zustand (auch „Nicht-alltägliche Wirklichkeit" genannt) gewinnt er Erkenntnisse und Informationen über sich, sein Eingebundensein in die Umwelt und den Kosmos, Erkenntnisse, die ihm im alltäglichen Bewusstseinszustand nicht zugänglich sind. Er erlebt vielleicht Phasen einer tiefen Loslösung vom Ich, nimmt alle Handlungen in einem größeren Kontext wahr, erfährt Zeitlosigkeit.

Zeugung und Geburt

Es gibt ein Ritual, das bei der Ausbildung zum CoreDynamik-Therapeuten/-Trainer eine wichtige Rolle spielt: das Zeugungs- und Geburtsritual. Ein rituelles Nacherleben der eigenen Zeugung und Geburt. Die meisten durchschauen dabei bisher unbewusste Verhaltensmuster und Grundüberzeugungen. Vor dem eigentlichen Ritual bereiten sich alle vor, indem sie sich mit den Umständen ihrer Geburt und frühen Kindheit auseinandersetzen. Sie versuchen sich zu erinnern, was die Eltern von jenem Ereignis und jener Zeit berichtet haben. Oder sie entscheiden sich, wie sie die Geburt gestalten wollen: eher als direktes Nacherleben einer vielleicht sehr schwierigen und schmerzhaften Geburt oder als neue und positiv umgestaltete Situation.

Das eigentliche Ritual dauert etwa zwei Stunden. Die Teilnehmer bilden Dreiergruppen: ein stellvertretendes Eltempaar und derjenige, der die persönliche Geburtserfahrung rituell erleben will. Sie gestalten einen Platz mit Matten und Decken, der als Ort der Zeugung, Schwangerschaft und Geburt dienen wird. Der Seminarleiter bringt die Reisenden in einer geführten Meditation mit Musik und schamanischen Techniken in einen Trancezustand, in dem Erfahrungen von Schweben und All-Einssein in kosmischen Räumen - Zustände vor der Inkarnierung - erlebt werden können. Das Elternpaar liegt währenddessen umschlungen und unter Decken auf dem symbolischen Bett. Nach einiger Zeit „entscheidet" sich der „Reisende" zur Inkarnation. Er schlüpft unter die Decken in den Raum zwischen dem liegenden Elternpaar. Dort erfährt er Wärme, Schutz, Geborgenheit und Wachstum. Die Situation ändert sich irgendwann. Druck und Enge nehmen zu, fordern Befreiung: die Geburt. Die Eltern formen einen Geburtskanal. Sie heißen ihr Neugeborenes willkommen und versorgen es liebevoll.


"Rituale und Schamanische Wege - beides gehört eng zusammen. Lassen wir uns auf die Tiefenstruktur von Rituellen ein, kann sich unser Bewusstsein in einen Raum der Erfahrung öffnen, der schamanische Qualitäten hat." (Dr. Bernhard Mack)


Den Glücksdeckel anheben Die Erfahrungsberichte von Teilnehmern decken sich. Sie beschreiben veränderte (schamanische) Bewusstseinszustände, das Erleben von Zeitlosigkeit, eine Loslösung vom Ich. Doch auch wenn sich das Ich für Momente im Ritual auflösen kann, so dient das Ritual als Ganzes der Stabilisierung der Ich-Funktionen und der Ich-Identität.

Ein Ritual von solcher Intensität und transformativer Kraft bedarf einer gründlichen Vor- und Nachbereitung, um die Integration der Erfahrungen und die Umsetzung in die alltägliche Wirklichkeit zu ermöglichen. Das zu leisten ist an einem kurzen Wochenende nicht möglich.

Ein erster Geschmack von neuen Bewusstseinsräumen kann jedoch auch in kürzeren Seminaren gewonnen werden. CoreDynamik will die so genannte „Obere Grenze von Glück" ausdehnen. Damit ist der Schwellenwert gemeint, bei dem wir hinzukommendes Glück nicht mehr aushalten können, weil es zu neu oder zu intensiv ist. Auf diese Situationen reagieren die meisten Menschen häufig mit unbewussten Handlungen, die den als überaus positiv empfundenen Zustand zerstören. Mit Hilfe von entsprechenden Übungen und Ritualen kann die eigene Glücksfähigkeit erweitert werden. Mack: „ Es ist, wie wenn wir den Deckel auf unserer Glücksfähigkeit langsam immer höher schieben und uns dann in dem größer und wohnlicher werdenden Innenraum mehr und mehr zu Hause fühlen."

Buchtipps (Auswahl)

F.-Th. Cottwald/Ch. Ratsch (Hrsg.): Rituale des Heilens (AT Verlag); Björn Ulbrich: Im Tanz der Elemente (ARUN-Verlag); Kurt Lussi: Im Reich der Geister und tanzenden Hexen (AT Verlag );P. van Eersel/A. Crosrey: Der Kreis der Alten (ARUN-Verlag), Holger Kaiweit: Traumzeit und innerer Raum/Sonderausgabe (O.W. Barth); Block Elk: Schamane der Lakota (O.W. Barth); Paul Uccusic: Der Schamane in uns. Schamanismus als neue Selbsterfahrung, Hilfe und Heilung (Goldmann); Piers Vitebsky: Schamanismus - Reisende Seele, magische Kräfte (Knaur);

CD-Tipp

Michael Harner: Shamanic journey Solo and Double Drumming (Foundation of Shamanic Studies/Silenzio)

Dr. Gerhard Mayer, geb. 1958, hat Psychologie, Soziologie und Philosophie in Freiburg studiert und im Bereich der Medienpsychologie promoviert. Er arbeitet in der Forschung am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. in Freiburg. Als CoreDynamik-Trainer und -Therapeut begleitet er eine Ausbildungsgruppe. Weitere Berufsausbildungen: Holzbildhauerei und Astrologie.

Aktuelle Seminare mit Bernhard Mack:

Die Rückkehr des Schamanen - Die Kraft der Intuition in Beruf und Alltag, 22. bis 24. März in München; Rituale alltäglichen Glücks - Wege zur erfüllenden Liebesbeziehung, 26. bis 28. April in Österreich; Schamanische Reisen zu Intuition und Kreativität, 5. bis 12. Mai Urlaubsseminar in Portugal

Bücher von Dr. Bernhard Mack:

Der Liebe einen Sinn geben, 1996, Simon+Leutner Verlag; Rituale alltäglichen Glücks, 1997, jungfermann Verlag; Kontakt, Intuition & Kreativität, 1999, jungfermann Verlag; Führungsfaktor Menschenkenntnis, 2000, Verlag Moderne Industrie; CoreDynamik, 2001, jungfermann Verlag

Infos/Kontakt:

CoreDynamik-lnstitut, Leimbachweg 12, 79283 Bollschweil, Tel. 07633 982707, E-mail: info@coredynamik.de CoreDynamik-lnstitut München,

Tel: 089 75967122, E-mail: info.muenchen@coredynamik.de Internet: www.coredynamik.de






 Return