Erfahrungen mit einer neuen Ausbildungskonzeption, die so neu nun auch wieder nicht ist
Neugierig war ich geworden durch eine Ausbildungskonzeption des CoreDynamik-lnstituts und wollte es genauer wissen.
Da wurde von lernprozeßorientierter therapeutischer Didaktik und spiralischem Curriculum gesprochen, von Landkarten psychischen Wachstums und von einem Lernweg von den Randschichten der Persönlichkeit zum Wesenskern.
Da mir der Ausbildungsleiter, Dr. Bernhard Mack, gut bekannt war durch seine Bücher: Der Liebe einen Sinn geben (Simon und Leutner 1996) und Rituale alltäglichen Glücks (Junfermann 1997), war einiges zu erwarten und ich wollte vor allem wissen, ob die anspruchsvolle Seminarkonzeption einer systemischen Ausbildung für Einzelne, Paare, Gruppen und Organisationen auch in der Praxis durchführbar ist.
Ich stellte Fragen an den Leiter sowie an einige Ausbildungsteilnehmer, las die mir vorliegenden Gruppenprotokolle und erhielt Antworten, die ich hier in diesen Zeilen verarbeitet habe.
Frage: Beschreiben Sie mir das Spezifische dieser Ausbildungskonzeption im Vergleich zu bisherigen Therapieausbildungen ?
Das curriculare Konzept wird sehr strikt angewandt und durchgehalten. In der CoreDynamik wird von sechs Tiefungsebenen in der Arbeit mit Menschen ausgegangen:
1) Die Ebene der Gedanken, des Verstehens und Einordnens, der Problemdifferenzierung und Reflektion.
2) Die Ebene der Bilder und Gefühle.
3) Die Ebene der szenischen Involvierung (Biographie-Ebene). Der Klient geht in seinem Erleben in die Szenen früherer Erfahrungen und löst die Blockierungen durch Wiedererleben der alten Szenen.
4) Die Ebene der (autonomen) Körperreaktionen.
5) Die Ebene des unmittelbaren Gewahrseins, der Intuition und ganzheitlichen Wahrnehmung.
6) Die Wesensebene, Kern-, Core-oder Seins-Erfahrung.
Im ersten Ausbildungsjahrwird der Focus auf die One-to-one-Kommunikation gelegt. Die Tiefungsebenen werden Schritt für Schritt erarbeitet. So wird in der ersten Seminar-Sequenz jeder Übungskontakt zuerst auf der Ebene 1) gehalten und gefragt:
• Welche Interventionen sind für die Ebene der Gedanken und des Verstehens wichtig?
• Wie hole ich jemanden zurück, der auf eine tiefere Ebene geht, dies mir aber nicht angemessen erscheint?
• Wie kann ich Arbeiten auf dieser Ebene wertschätzen lernen?
• Welche Verstehenslandkarten kann ich dem Klienten und dem Behand-ler hier geben ?
• Wie ist Pacing und Leading hier abwechselnd einzusetzen?
• welche grundlegenden phänomenologischen Diagnostiken gibt es hier?
Erst wenn die Auszubildenden die Feinheiten und Lernmöglichkeiten auf dieser Ebene sehen gelernt haben, geht es aufdie Ebene der Gefühle und Bilder:
• Welche Support-Möglichkeiten gibt es hier?
• Wie kann ich das Aufkommen von Gefühlen und Bildern unterstützen?
• Wie kann ich für das Erleben von Gefühlen einen sicheren Raum zur Verfügung stellen?
Diese beiden Ebenen werden zuerst für eine längere Zeit geübt, Regression wird unterbunden und verschiedene Support-Strukturen für die Hier-und-Jetzt-Ebene angeboten.
Erst wenn sich die Lernenden einigermaßen sicher fühlen, wird zuerst über Selbsterfahrung die eigene szenische In-volvierung geübt. Die Teilnehmer fertigen auf einer Tapetenrolle (zwischen 5 bis 10 Meter lang) ein Lebenspanorama an, auf dem die wesentlichen 10 bis 20 Szenen ihres Lebens als Skizzen, als Fotokollagen, als Gedichte mit Illustrationen, als Farbgestaltungen oder als Strichmännchenzeichnungen gestaltet sind.
In klassischem gestalttherapeutischen Verfahren lernen die Teilnehmer, die wesentlichen Szenen zu identifizieren und sie im Rollenspiel, in psychodramatischen Settings, im Dialog mit Kissen oder Stuhl zu bearbeiten und somit die unerledigten Geschäfte abzuschließen.
Sie erleben, daß sie wirklich in dem damaligen Wohnzimmer auf jener Couch sitzen, während z.B. ihre Mutter hereinkommt und jenen so prägenden Satz sagte. Durch das Neuerleben können sie die alten Blockaden erkennen, lösen und sich neue, erlaubnisgebendere Sätze wählen.
Dies ist alles auch Teil einer guten Gestalttherapieausbildung.
Das Spezifische hier ist, daß den Teilnehmerinnen von Anfang an der Stellenwert dieser Arbeiten im Gesamtcurriculum bekannt ist, daß sie ständig in der Prozeßreflektion wieder auf die Erwachsenenebene gehen und die Diskussion der Interventionen ein Aussteigen aus dem Prozeß erlaubt.
Der Prozeß erhält so eine hohes Maß an Transparenz, Methodenbewußtsein und Selbstreflektion.
Interessanterweise wird die Regression durch diese erwachsenenorientierte Arbeit nicht geringer, sondern tiefer, da auch ein starkes Vertrauen in die Sicherheit dieses Prozesses entsteht.
Frage: Wie wird für diesen intensiven Prozeß genügend Sicherheit und Kompetenz geschaffen?
Begleitet wird dieser Prozeß von einem Team von Co-Leitern, die diese Ausbildung schon vorher durchlaufen haben, so daß jede Kleingruppe im Prozeß von erfahrenen Praktikern supervidiertwird.
Der Ausbildungsleiter hat diese Konzeption in seinen Therapiegruppen seit 18 Jahren erprobt: Die Teilnehmer wechseln ständig aus der Klientenrolle in die Begleiterrolle. Die Klientin kennt den Ablauf des Arbeitsprozesses, z.B. die 10 Schritte einer Übungssequenz, und kann so auf mehreren Ebenen gleichzeitig mitgehen - auf der Erlebensebene und auf der Methodenebene.
Frage: Was ist das methodologische Crundkonzept?
Der wesentliche Grundsatz dieser Arbeit ist: Wir lösen keine Probleme, sondern wir erhöhen das Komplexitätsbewußtsein der Beteiligten.
In der CoreDynamik wird davon ausgegangen, daß das Problem immer bedeutend komplexer ist, als es alltagssprachlich erfaßbar und lösbar wäre.
So werden jeweils mehrere Landkartensysteme gleichzeitig angeboten. Die dadurch entstehende tendenzielle Überforderung durch ein sehr hohes Komplexitätsniveau ist bewußt eingesetzte Methode. Sie führt zunächst zu einer Verunsicherung der Übenden, schließlich aber zu einem sicheren Handwerkszeug und durch das notwendige Loslassen von kopforientiertem Vorgehen auch zu Intuition.
Schrittweise werden unterrichtet und geübt:
• Die 6 Tiefungsebenen therapeutischer Arbeit
• Die vier Formen der Kontaktunterbrechung (Projektion, Introjektion, Retroflektion und Konfluenz) und ihre Stellung im Kontaktzyklus
• Die vier Arten der Körperberührung
1. diagnostisch
2. unterstützend
3. konfrontativ, energetisierend
4. verführend, unklar, manipulativ (Durch die klare Kenntnis gerade der vierten Berührungsform ist es möglich, diese sofort zu erkennen und zu unterbinden.)
• Archetypen des In-der-Welt-Seins und Erlebens nach C.G. Jung
• Diagnostische Modelle, z.B. die acht Grundüberzeugungen zum Leben aus Bioenergetik und Hakomi
• Die acht Säulen der Identität
Frage: Wie ist es möglich, daß solch komplexe Methodenstrukturen dem Prozeßbegleiter ohne Streß zur Verfügung stehen?
Durch gezielte Bewegungsübungen im Raum, d.h. durch Richtungsorientierungen wird ein Raumbewußtsein des Außen-und Innenraums erarbeitet, das es ermöglicht, einen sicheren und entspannten Zugang zu den unterschiedlichen Interventionsbereichen und Modellen zu erlernen. Dies geschieht dadurch, daß zunächst im äußeren Raum die Methoden und Modelle einen Platz bekommen. Die Teilnehmer bewegen sich in ihrem Tempo von Platz zu Platz und vergewissern sich dort in ihrem Körperempfinden des jeweiligen Konzepts.
Im nächsten Schritt wird dieses äußere Raumbewußtsein immer mehr internalisiert und gespürt:
Wo in meinem inneren Raum liegt dieser Erlebnisbereich? Wie kann ich ihn dort abrufen?
Dies erlaubt eine sichere und schnelle Orientierung des Gedächtnisses.
Zuerst wird also ein ganz langsames Vorgehen praktiziert, einfache Modelle und überschaubare Settings helfen in den Erstkontakt. Sodann werden Schritt für Schritt neue Komplexitätsstufen hinzugefügt und diese über Übungspraxis und Körpererfahrung geankert. Neben den Richtungsankern im Raum werden auch verbale Sonden geübt, die u.a. zur Selbststabilisierung der Prozeßbegleiter dienen.
Die Teilnehmerinnen berichten, daß sie ihr Körperbewußtsein durch diese Übung verändert hat. Entweder räumliches Bewußtsein im Kopf- oder im Bauchbereich oder ganzkörperliche Wahrnehmungen dieser methodologischen Strukturen wurden genannt.
Medien wie z.B. ein Stock als Stütze und Richtungsgeber, das Seil als Grenz-und Kontaktfunktion sind weitere Versinnlichungen wesentlicher Kontaktstrukturen. So entsteht immer mehr eine Verbindung der Bilder, der Gefühle und Körperwahrnehmungen mit den unterschiedlichen Interventionsebenen.
Frage: Gibt es schon Erfahrungsberichte über die Effekte?
Die Beobachtungen der anschließenden Arbeiten der Teilnehmerinnen als therapeutische Begleiter zeigten eine bemerkenswerte Flexibilität in der Anwendung der soeben oder vor ein paar Tagen gelernten Interventionstechniken.
Die Teilnehmerinnen sagten, daß sie gleichzeitig verschiedene Möglichkeiten im Blick gehabt hätten und so Hypothesen oder Konzepte schnell wieder loslassen konnten, wenn sie sich als nicht mehr sinnvoll erwiesen haben.
Gutes Pacing verlangt ja sehr schnelles und egoloses Loslassen von Vorstellungen, wohin der Klient denn nun zu gehen habe. Dies ist umso leichter, je mehr mögliche Wege der Begleiter als denkbar zur Verfügung hat.
Was mir hier gut gefällt, ist, daß verschiedene Sichtweisen der Berufsfelder von „Arbeit mit Menschen" durch mehrere Gastdozentinnen (Integrative Kommunikationstherapie, systemische Therapie und Institutionsanalyse, die Lernende Organisation) abgedeckt werden.
Im zweiten Jahr wird der Schwerpunkt gelegt auf die Arbeit mit Paardynamiken und Gruppenenergien sowie im dritten Jahr auf die Praxiserfahrungen und deren Supervision. Dabei werden u.a. diese Fragen praxisorientiert beantwortet:
• Wie verbinde ich die inhaltlichen Fragestellungen mit der persönlichen und der gruppendynamischen Entwicklung?
• Wie beziehe ich das System der Organisation, in dem sich dieser Prozeß vollzieht, mit ein?
Zusammenfassung
Wohlbekannt in dieser Ausbildung sind einige gut erprobte Methoden der Gestalttherapie, des NLP, der Körperarbeit und des systemischen und tiefenpsychologischen Ansatzes.
Neu und beeindruckend für mich ist die Art und Komplexität der Synthese so wie die Einlösung des Anspruchs, einerseits ganzheitlich-intuitiv und andererseits analytisch-systematisch einen Weg von den Randschichten der Persönlich keit zu wesentlichen Bereichen des Lebens zu beschreiten, und außerdem die Schnelligkeit, mit der die Teilnehmerinnen ihr Handwerkszeug lernen.
VON WINFRIED BACHMANN
Multimind Oktober 1997