Astrid Gude CoreDynamik-Wege zum Kern und hinaus in die Welt

Das Feld des Persönlichkeitswachstums und der Bewusstseinsentwicklung weist in den letzten Jahrzehnten eine kaum noch überschaubare Vielfalt von Ansätzen auf. Oft trifft man auf Auseinandersetzungen zwischen jenen Schulen, die am „Ich", seiner Stabilisierung und Gesundung arbeiten, und anderen Richtungen, die die Loslösung vom „Ich", seine Überwindung in den Vordergrund stellen.

Dies stellt sich vielfach als unüberwindbarer Gegensatz dar.

Ein umfassendes, ganzheitliches Modell wird beidem Raum geben:

Der Heilung von persönlichen Verletzungen, dem Nachreifen schwach entwickelter Persönlichkeitsanteile, der Integration von Schattenaspekten wie auch der Öffnung tiefer seelischer Räume, der Wegbereitung und Begleitung transzendenter Erfahrungen, die ein Erleben von Ganzheit und Geborgenheit im Überpersönlichen ermöglichen.

Die CoreDynamik stellt mit ihrem Modell der sechs Tiefungsebenen einen Ansatz dar, der psychologische und spirituelle Dimensionen integriert.

Es handelt sich hierbei um:

1. die Ebene des Miteinander (Kommunikation, Verständigung, Gedankenaustausch) auf der Basis von Denken, Einordnen, Verstehen,

2. die Ebene der Wertungen auf der Basis von Bildern und Gefühlen,

3. die Ebene des Gewordenseins (Biografie, Lebensskripte),

4. die Ebene der Leiblichkeit (Körperempfindungen, Körperenergie, autonome Körperreaktionen),

5. die Ebene der Raumdimension als Grundlage von Präsenz und Intuition, auch die Ebene der Bewusstwerdung existentieller Gegebenheiten (Tod, Sinn, Verantwortung, Freiheit),

5. der Wesens- oder Kernraum, Einheitserfahrung, Erfahrung der Non-Dualität

(s. Bernhard Mack, CoreDynamik, Junfermann Verlag, S.36 und S.57/8)

Dieses Modell versteht sich im Sinne einer Landkarte, die Orientierungshilfen bietet, und stellt Dimensionen des Erlebens dar, die im realen Wachstumsprozess nicht linear, sondern spiralförmig (von außen nach innen), oft gleichzeitig durchlaufen werden. Auch Sprünge sind möglich. In der Regel entwickeln sich die ersten vier, der personalen Ebene zuzuordnenden Bereiche gemeinsam und bedingen sich wechselseitig in ihrer Entwicklung. Der Schwerpunkt des Prozesses liegt auf der Integration der sich fortlaufend verfeinernden und erweiternden Erlebnisqualitäten. Die transpersonalen Ebenen fünf und sechs sind immer schon vorhanden,jedoch meist noch nicht bewusst, scheinen durch und wirken als eine Art Attraktor.

Jede dieser Ebenen hat ihre spezifischen Arbeitsweisen:

DasAusbildungscurriculum beginnt so zunächst mit der Schulung der Kontaktfähigkeit und Konfliktbewältigung, überwiegend mit dem „Handwerkszeug" der Gestalttherapie: Arbeit am Thema Grenze und Kontaktunterbrechungsmustern. Der Übergang zur Ebene der Gefühle wird eingeleitet mit einem „Gefühlsparcours", in dem spielerisch die verschiedenen Gefühle eingeladen werde. Auf der Ebene der Biografiearbeit finden wir u.a. das Rollenspiel, die szenische Involvierung und eine besondere Form des Familiensteilens, während auf der Körperebene Übungen zur Körperwahrnehmung und zur Aktivierung der Körperenergie angeboten werden.

Die Arbeit auf den ersten vier Tiefungsebenen hat ihren Wert in sich und kann als Vorbereitung für das Eintreten in andere Wirklichkeitsebenen, andere Dimensionen des Bewusstseins gesehen werden, das zum Teil mit dem Durchlaufen hochenergetischer Prozesse einhergeht, welches ohne gründliche Vorbereitung mit der Gefahr der Überflutung und der Dekompensation verbunden wäre.

Raumöffnung setzt eine Entwicklung der Raumwahrnehmung voraus:

Bodenkontakt, Erdung müssen erfahren

und herstellbar sein, Erfahrungen mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen in das persönliche intellektuelle, emotionale und geistige System einzuordnen

sein. Dies erfordert ein schrittweises Vorgehen. So wird zum Beispiel die Arbeit mit der Intensivatmung (nach Grof) stufenweise eingeführt, in der Regel im Zweiersetting begleitet, oft thematisch eingebunden und entsprechend sorgfältig integriert. Erfahrungsgemäß führen diese Atemreisen von der zunächst überwiegend stattfindenden Auflösung biografisch bedingter Blockaden hin zur Erforschung transpersonaler Räume, d.h. um Räume jenseits des Persönlichen, nicht um die vor der Entwicklung der Persönlichkeit angesiedelten Erfahrungen ozeanischen Einsseins (vgl. den von Ken Wilber an vielen Stellen herausgearbeiteten Unterschied zwischen prä- und transpersonalen Erlebnissen). Dabei wächst auch die Fähigkeit, sich innerlich über weite Strecken beobachtend zu begleiten und die Intensität der Prozesse selber zu steuern, Verantwortung zu übernehmen.

Erlebnisse, die auf Grund von tiefen inneren Öffnungen in dem Core- oder Kernbereich angesiedelt sind, entfalten ihr zutiefst heilsames Potenzial durch die Erfahrung grundsätzlicher Vollkommenheit und Verbundenheit, des „Immer-schon Angekommen-Seins", der Selbsttranszendenz.

Der Weg dorthin wird neben der schon erwähnten Intensivatmung gebahnt durch Übungen zur Steigerung der Präsenz, der Konzentration und Gleichzeitigkeitserfahrung, des Komplexitätsbewusstseins, der Ausdehnung der Bewusstseinsgrenzen, der Öffnung des intuitiven Raumes, zur Aktivierung feinstofflicher Energiezentren, durch ekstatische Bewegungsformen, wie

auch durch das Eintauchen in die Stille.

Neben den vielfältigen Erfahrungsebenen werden zur Intensivierung des Prozessbewusstseins und Verfeinerung der Landkarte theoretische Erläuterungen angeboten. Insgesamt erfolgt immer wieder eine Verzahnung ganzheitlich-intuitiver mit analytisch-systematischen Methoden.

Die Entwicklungsmöglichkeiten, die in diesem Weg liegen, seien hier verdeutlicht an Hand von zwei Auszügen aus Erfahrungsberichten, die Ausbildungsteilnehmer gegen Ende ihrer dreijährigen Ausbildung verfasst haben:

„Mit dem Beginn der Atemarbeit begann der anstehende tiefere Weg nach Innen - hin zum Wesen, zu meiner Seele. Die Frage:

„Wer bin ich?"

wurde für mich noch erweitert:

„Wer bin ich noch, dahinter?"

Die Heilung besteht darin, dass sich im Überschreiten der Bewusstseinsschwelle Ahnungen über mich, über mein Wesen zu bestätigen beginnen. Die Erfahrungen auf diesen Reisen, in den sich immer wieder neu öffnenden Innenräumen, waren angefüllt von Momenten von Gleichzeitigkeit: „Ich schwimme auf mich selbst zu. Ich werde von mir abgeholt. Ich bin in einer Situation und sehe mir dabei von außen/oben zu. Und diese verschiedenen Ebenen von Gleichzeitigkeit sind mir immer öfter im Alltag bewusst!

Ist das Herz der Schnittpunkt aller Linien?", wie jemand bemerkte.
(CoreDynamik S. 288/9)

„Ich konnte mich, mit meiner Natur und den mir eigenen Rhythmen und Zyklen, in Zusammenhang bringen mit den zyklenhaften, wellenartigen Erfahrungen innerhalb der einzelnen Prozessarbeiten. Ich konnte somit zunehmend die einzelnen Lernschritte als Ausschnitte erkennen, mich mit meiner Natur zu erfassen, um irgendwann im Verlauf diese ausschnitthaften Erfahrungen zusammenzufügen und eine Art Gesamtbild von mir zu entwickeln. Dabei wurde mir bewusst, dass ein Schubladendenken mir und dem Leben in seiner Vielschichtigkeit nicht gerecht wird. Ich erkenne heute das Leben und mich als ein Teil dieser Natur als viel zu komplex, um nur einzelne Schablonen zu nutzen.

Es entsteht für mich vielmehr der Eindruck, dass ich im Übereinanderlegen verschiedenster Schablonen (Ansätze) einen ungefähren Einblick darin gewinnen kann, wie vielschichtig, komplex und am Ende paradox das Leben aufgebaut ist (vergleichbar für mich mit dem Blick durch ein Kaleidoskop, der meine Eindrücke auch immer wieder durch kleinste Bewegung verändern kann). Ich erweitere damit mein Erfassen der mich umgebenden Wirklichkeit und erhöhe dadurch meine Möglichkeiten, mein Leben zu gestalten." (ebenda S. 308)

Von immenser Bedeutung für den Gesamtprozess ist die Gruppe:

Sie ermöglicht die Erfahrung von Grenzen und Kontaktunterbrechungen in ganz konkreten Rahmen. Feedbacks untereinander können stützende Funktion haben, ebenso nährende Berührungen. Beziehungsklärungen und Konfliktbewältigung sowie Übungen zur Gruppendynamik bieten weitere Wachstumsmöglichkeiten. Einzelne fühlen sich in ihrer Besonderheit gewürdigt und als Teil eines größeren lebendigen Organismus. In einem geschützten Rahmen können Erlebnisse aus tieferen inneren Räumen in Kontakt gebracht werden. Es geschieht Integration und entsteht ein Raum zum Experimentieren, zum Umsetzen gewonnener Erkenntnisse.

Das Wissen um das Erleben anderer reduziert eigene Unsicherheiten und Ängste.

Die Gruppe bietet ein Netz, das trägt, und wirkt als energetisches Feld, welches durch Synergieeffekte Sprünge ermöglicht. Kontakte über die Gruppe hinaus verstärken das soziale Netz.

In seiner Vollendung führt der hier beschriebene Prozess zurück in die Welt:

Das Eintreten in veränderte Bewusstseinszustände erfüllt keinen Selbstzweck, sondern führt zu einem veränderten Erleben und Entwickeln neuer Einstellungen und Haltungen zu der Welt, einem Wandel von Werten, der von innen heraus erfolgt und nicht Resultat von außen vorgegebener Moralvorstellungen ist.

Dies kann sich ausdrücken in der Entfaltung des kreativen Potenzials, einer Steigerung der Beziehungsfähigkeit, dem Abschied von schädlichen Gewohnheiten (Süchten), einer zunehmenden Herzensöffnung, der Vertiefung der Intuition, einer gesteigerten Selbstverantwortung und Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung auf der Basis von Mitgefühl und Bezogenheit im persönlichen und beruflichen Bereich, im individuellen und globalen Feld. In diesem Sinne sind Wege zum Kern - Wege hinaus in die Welt.

Astrid Gude ist Pädagogin, CoreDynamik Therapeutin und Mitarbeiterin in der CoreDynamik Ausbildung. 






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